Integration: unserseits oder ihrerseits?

Gesellschaft, Integration

Vor acht Jahren, als ich noch frisch in Deutschland war, bekam ich eine wichtige Lektion von meinem damaligen Mitbewohner und jetzigen Freund: “Du musst immer eine Armlänge Abstand von anderen halten!”. Und so begann meine Integration.

Integration: Was?

Integration lässt sich jedoch nicht einfach definieren: Soll sich der zu integrierende Mensch den bestehenden Regeln beugen oder sind es die Ansässigen, die diesen an der Hand führen sollen? Im Jahr 2005 und im Rahmen vom Zuwanderungsgesetzt wurde Integration gesetzlich als staatliche Aufgabe mit dem folgenden Ziel definiert:

den Ausländern die Sprache, die Rechtsordnung, die Kultur und die Geschichte in Deutschland erfolgreich zu vermitteln.

Somit wurden Sprache, Rechtsordnung und Kultur als Schwerpunkte der Integration festgestellt. Die beiden ersteren Punkte sind durchaus einfach zu übertragen. Es ist der letztere Punkt, nämlich die Kultur, der nicht nur anhand von Gesetzen und Vorschriften zu übertragen ist. Es sind die gesellschaftlichen Nuancen, welche nicht einfach weiterzugeben sind, vor allem wenn man bereits den Prozess der Vergesellschaftung in einer anderen Kultur hinter sich gebracht hat. Wie ist der Prozess der Eingliederung vorzustellen? Der italienische Arbeiter, der in den 70ern nach Deutschland ausgewandert hat, teilt kulturelle Gemeinsamkeiten mit den Deutschen, die dem afghanischen Flüchtling, der mit dem Schlauchboot übers Meer angekommen ist, fehlen. Freiwillige Einwanderer genießen die Rückkehrmöglichkeit, welche für die Geflüchtete ausgeschlossen ist. Abgesehen von “wie” der Integration bleibt ihr “wer” auch vage.

Integration: Wie?

Unter verschiedenen Integrationsprogrammen und -versuchen ist die vom Münchener Forum für Islam herausgegebene Broschüre Willkommen in Deutschland ein gelungenes Beispiel. Hier wird spezifisch für muslimische Flüchtlinge anhand der islamischen Lehre und Zitaten aus Koran und von Muhammed eine Kulturbrücke zu verschiedenen Themen, von Grüßen und Bildung in Deutschland bis zum deutschen Grundgesetz gebaut. Zudem wird das Thema Integration aus islamischer Sicht definiert als

Weg der Mitte, den der Koran fordert und fördert. Ihr Gegenteil und ihre gefährlichen Gegenpole heißen Assimilation einerseits und Isolation andererseits. Daher verlangt der Islam von den Gläubigen den Weg der Integration und nicht, sich abzuschotten. Integration bedeutet ein langwieriges und schwieriges Bemühen.
Diese Broschüre verfehlt ihr Ziel nicht, denn sie ihre Zielgruppe gut erkennt und ihr entgegenkommt. Ihr Publikum ist nicht ein unbekanntes Kollektiv, die Flüchtlinge, sondern Menschen mit einer spezifischen Religionshintergrund. Nennenswert ist die Vermeidung einer trockenen Auflistung von Regeln, Gesetzen, und Sitten, welche nicht unbedingt von den eigenen Einwohnern diesen Landes verfolgt werden. Das sollte nicht heißen, dass die “Rechtsordnung” nur zweitrangig behandelt werden soll, sondern dass die beiden Ansätzen nur Hand in Hand effektive sind.
Ein anderes Beispiel bietet das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration (BAMF) mit ihrer App für Flüchtlinge, Ankommen“, die umfassende Informationen und einen kleinen Sprachkurs für Flüchtlinge beinhaltet. Im Gegensatz zu der obengenannten Broschüre spricht die App eine größere Zielgruppe an und versucht ihre Lage in der deutschen Gesellschaft zu erklären. Zum Beispiel ein Auszug aus dem Artikel “Umgang zwischen Männern und Frauen” lautet:
Sie stehen als Asylbewerber unter besondere Beobachtung: Wenn etwa Männer Frauen respektlos behandeln oder gar bedrohen, dann verstoßen sie gegen das Gesetz und auch gegen Regeln der Gastfreundschaft.
Abgesehen vom bitteren Nachgeschmack der Realität, verschafft dieser Satz den Asylbewerbern wertvolle Informationen: der Aufschrei sei doppel so laut, wenn der unwillkommener Gast rechtswidrig handelt. Somit wird man drauf hingewiesen, dass nicht jeder einen wie derjenigen am Münchener HBF freundlich begrüßt.

Integration: Wer?

Die andere Seite der Münze der Integration ist die bürgerliche Seite. Das übliche Misstrauen soll mit Aufgeschlossenheit ersetzt werden, denn solches Misstrauen den Flüchtlingen gegenüber erweist sich nach wie vor als schwer haltbar (siehe polizeilichen Kriminalstatistik” des BKAs). Der Polizeipräsident Karlsruhe, Günther Freisleben betont in einer Reportage des TV-Magazines “Panorama“, Flüchtlinge [und] Ausländer seien nicht krimineller als es deutsche sind. Die Skepsis beschränkt sich nicht nur auf Flüchtlinge.  Einer Studie des “Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration” zufolge erleben Arbeitssuchende mit Migrationshintergrund ebenso Diskriminierung am Arbeitsmarkt. Salopp gesagt: “keiner will einen Ali im Team haben”! [Spiegel online] Gegen solche subtile Benachteiligungen, sei es auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Wohnungssuche, welche sehr schwer nachzuweisen sind, kann der betroffene nichts machen. Eine Gesellschaft, die nicht integrieren lässt, isoliert auch wenn der Flüchtling oder Ali längst die Grenzen der Assimilation überschritten hat.
Im besten Fall stellt man sich aufgeschlossene BürgerInnen, die mit einer aktiven Teilnahme eine erfolgreiche Integration zusichern und im schlimmsten Fall ist es eine argwöhnischen Gesellschaft, die im Anbetracht seiner negativen Geburtsrate den Fremde bei sich heimgibt und hofft, dass dieser zumindest das Rentensystem über Wasser hält. Egal ob man zu der ersten oder zweiten Gruppe gehört, sollte man sich Nächstes Mal wenn die Empörung über die angestiegene Zahl junger Männer, die sich auf Turmstraße oder in Wedding verweilen, steigt, die Frage stellen, wie viel einer selbst dafür oder dagegen getan hat. Integration bedeutet integrieren und integrieren lassen.

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